Thema · Leadership & Zusammenarbeit

Selbstorganisation funktioniert,
wenn Form, Recht und Verantwortung zusammenpassen.

„Wir machen das jetzt selbstorganisiert“ ist kein Plan, sondern ein Versprechen. Damit es einlösbar wird, müssen drei Dinge zusammenkommen: eine Entscheidungsstruktur, die wirklich trägt; eine Rechtsform, die das mitmacht; und ein klares Verständnis davon, wie Verantwortung verteilt werden kann, ohne dass am Ende niemand mehr haftet. Ich habe diesen Weg neun Jahre lang als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender von Mein Grundeinkommen e.V. mitgestaltet.

Was Selbstorganisation wirklich verlangt

Selbstorganisation ist keine flachere Hierarchie und kein Verzicht auf Führung. Sie verschiebt Autorität von Personen auf Rollen und Entscheidungen auf klare Prozesse. Das macht sie mächtig, und anspruchsvoll. Wer sie als Kompromiss zwischen „basisdemokratisch“ und „chefisch“ einführt, bekommt das Schlechteste aus beiden Welten: langsame Entscheidungen ohne klare Verantwortlichkeit.

Praxisbeispiel: Neun Jahre Holacracy bei Mein Grundeinkommen

Mein Grundeinkommen e.V. arbeitet seit Jahren mit Holacracy, und ist gleichzeitig ein eingetragener Verein. Genau diese Kombination habe ich auf der FES-Fachtagung „Akademie Management und Politik 2023“ in einem eigenen Praxisforum aufgefächert: Welche Chancen und welche Reibungen entstehen, wenn die rechtliche Hülle einem partizipativen Operating-System gegenübersteht?

Workshop · Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2023 Praxisforum 2: Rechtsform Verein und Organisationsform Holacracy: Chancen und Herausforderungen für Transparenz und Mitbestimmung FES-Akademie Management und Politik · Fachtagung 2023, Bonn · Beitrag von Steven Strehl, Mein Grundeinkommen e.V.

Leadership ohne Chef:in, ist das überhaupt Leadership?

Ja. Aber sie sieht anders aus. In selbstorganisierten Strukturen ist Leadership weniger das Ausfüllen einer Position und mehr eine Praxis: Spannungen wahrnehmen, Vorschläge machen, andere befähigen, Klarheit halten, wenn es ungemütlich wird.

In meiner Beratung beobachte ich, dass diese Verschiebung zwei Gruppen besonders herausfordert. Bisherige Führungskräfte verlieren das Gefühl, „wofür sie eigentlich da sind“, und Mitarbeitende müssen plötzlich Verantwortung übernehmen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Selbstorganisation einzuführen bedeutet deshalb immer auch, beide Gruppen aktiv durch diesen Identitätswechsel zu begleiten.

Finpowerment: Wenn Geld kein Tabu mehr ist

Finpowerment beschreibt den Schritt, finanzielle Verantwortung von der Führungsetage in die Breite der Organisation zu übertragen, mit Wissen, Einblick und tatsächlichen Entscheidungsbefugnissen. Es ist die konsequente Erweiterung von Selbstorganisation in den Bereich, der in den meisten NGOs am stärksten zentralisiert bleibt: das Geld.

Damit Finpowerment nicht zur Überforderung wird, braucht es drei Bausteine:

  • Transparenz nach innen. Budget, Liquidität, Fixkosten, offen und in einer Sprache, die nicht nur das Finanzteam versteht.
  • Klare finanzielle Rollen mit Befugnissen. Wer darf bis wohin entscheiden? Wer muss konsultieren? Wo liegt die rechtliche Letztverantwortung?
  • Lernräume. Menschen, die nie ein Budget verantwortet haben, werden nicht über Nacht souverän, sie brauchen Anlässe, in denen Fehler erlaubt sind.
Worauf ich in Beratungen besonders achte

Finpowerment scheitert selten an mangelnder Bereitschaft, sondern an mangelnder Infrastruktur: ohne tagesaktuelle Zahlen, ohne saubere Rollenmodelle und ohne Schulung wird aus Befähigung schnell ein diffuses Schuldgefühl. Wer Finpowerment ernst meint, investiert zuerst in Sichtbarkeit, und dann erst in Befugnisse.

Rechtsform & Compliance: Was unter „verteilter Verantwortung“ rechtlich erlaubt ist

Egal, wie selbstorganisiert ihr arbeitet, das Rechtssystem will am Ende eine konkrete Person oder ein konkretes Gremium identifizieren können, das haftet. Vorstand im Verein, Geschäftsführung in der GmbH, Geschäftsleitung in der gGmbH oder gAG. Diese Letztverantwortung lässt sich nicht horizontal auflösen, aber sie lässt sich klug intern delegieren.

Die Praxisfragen, die in der Beratung immer wieder auftauchen:

  • Wie passen Vorstandshaftung und holakratische Rollen zusammen? Welche Entscheidungen kann der Vorstand an Rollen oder Kreise delegieren, und welche bleiben gesetzlich bei ihm?
  • Wie sieht eine Satzung aus, die Selbstorganisation nicht ausbremst? Vereinssatzungen sind oft historisch gewachsen und enthalten Reservate, die in der Praxis längst überholt sind.
  • Welche Compliance-Themen werden in der Selbstorganisation systematisch übersehen? Datenschutz, Arbeitsrecht, Steuerrecht, alles Bereiche, wo „dezentrale Verantwortung“ juristisch nicht reicht.
  • Welche Rechtsform passt überhaupt zu eurem Vorhaben? Verein, gGmbH, Genossenschaft, Steward-Ownership, Purpose-Stiftung: jede Form hat eine eigene Logik dafür, wie Verantwortung verteilt werden darf.

Die ehrliche Antwort lautet meist: Nicht die Rechtsform allein entscheidet, sondern wie ihr sie ausfüllt. Eine konservativ ausgelegte gGmbH kann selbstorganisierter sein als ein Verein, dessen Vorstand alles an sich zieht.

Für wen das Thema relevant wird

  • Für Organisationen, die Selbstorganisation einführen wollen, und vorher die rechtliche Tragfähigkeit prüfen müssen.
  • Für Teams, die in Holacracy oder Soziokratie unterwegs sind und an die Grenzen ihrer Satzung stoßen.
  • Für Vorstände und Geschäftsführungen, die Verantwortung intern verteilen wollen, ohne ihre Letztverantwortung zu unterlaufen.
  • Für Gründungsteams, die noch wahlweise zwischen Verein, gGmbH oder Genossenschaft entscheiden.

Lass uns über eure Struktur sprechen.

30 Minuten Videocall, ich höre zu, sortiere mit euch die offenen Fragen und sage offen, wo ihr ohne externe Begleitung weiterkommt und wo nicht.